close your eyes
 
Tuesday, 1. July 2008, 08:46

[journal] Eine Stunde ohne Licht
Am Freitag war Betriebsausflug. Erste Station war das Dialogmuseum in der Hanauer Landstraße. Dort sind wir den kurzen Dunkelparcours gegangen. Am Anfang bekommen wir Blindenstöcke, um Hindernisse am Boden zu Ertasten. Dieses Hilfsmittel gibt Sicherheit. Eher scheinbare Sicherheit. Die Brillen werden abgegeben. Wo kein Licht ist, hilft die beste Brille nichts. Wir, eine Gruppe von ca. acht Personen, stehen im Halbdunkel am Eingang in das Reich der Dunkelheit.

Innen drin ist es wirklich stockduster. Wir gehen ein paar Schritte. Ich habe sehr bald ein Gefühl der vollkommenen Verlorenheit. Komme mir vor als hätte mich ein schwarzes Loch aufgesogen. Etwas in mir sträubt sich, weiter zu machen. Ich will, dass das Ganze so schnell wie möglich abgeschlossen ist. Der Spuk soll sofort beendet sein. Wir hören Geräusche. Ich kann sie kaum identifizieren. Naturgeräusche, Waldgeräusche. Dann geht es über eine leicht wacklige Hängebrücke, ich kann Gottseidank das linke Geländer greifen. Hinter der Brücke sind wir in einem Sumpf. Die Füße suchen Halt, aber der Boden scheint aufgeweicht. Weiter geht es an einer Wand lang. Die linke Hand tastet sich an der linken Wand lang. Immer wieder kommt der Zug ins Stocken. Ich berühre meinen Vordermann (sorry Stephan, ich glaube du warst es) mit meinem Blindenstock an den Füßen. Petrus, unser blinder Führer ruft uns zu sich. Und gibt uns, wenn wir an ihm vorbeikommen die Hand. Körperkontakt tut gut, gibt ein Gefühl der Geborgenheit. Ich gewöhne mich ganz langsam an das Setting.

Wir kommen in einen Raum, in dem ich mich umständlich vor die Wand lege, um die Sounds besser zu erspüren, die hier abgespielt werden. Ich fühle die Vibrationen der Bässe. Und genieße das Schnarchen, das vom Band kommt. So regelmäßig, so harmonisch, so beruhigend. Petrus macht Witze darüber, dass jemand von uns eingeschlafen ist, wer war es wohl? Wir gehen weiter. Rechte Hand an rechter Wand. Straßengeräusche. Der Dauerton, wenn die Ampel rot ist, den ich noch nie so wahrgenommen hatte. Dann das Piepen, wenn die Ampel auf grün umschaltet. Den Bürgersteig runter auf die Straße und die Straße überquert, nur ein paar Meter aber was für ein Abenteuer.

Es geht noch ein gutes Stück weiter, um die Kurve, wir legen unsere Hände auf die Schultern unserer Vorderleute und kommen in die Dunkelbar. Wir stehen an der Bar und der Barmann sagt uns die Karte auf. Nach einigem Zögern und hilflosem Herumgekrame in meinem Portemonnaie bestelle ich eine Holunderbionade, die erste Bionade meines Lebens. Stephan leiht mir einen Euro, ich habe nicht genug Kleingeld und sonst nur Fünfzigerscheine. Habe vollstes Vertrauen in die Münztastfähigkeiten des Barmanns. Wir setzen uns auf eine Bank an der Wand, der Tisch vor uns ist überraschend niedrig. Die Bionade schmeckt nach wenig, ich bin enttäuscht. Petrus fragt uns nach den Highlights, ein Gespräch kommt in Gang. Er ist seit seinem siebzehnten Lebensjahr blind und erzählt uns davon wie er sich orientiert. Die Hauptregel: er geht nur Strecken, die er kennt. Nach der Bar noch ein paar Meter und wir sind wieder im Halbdunkel des Ausgangs. Wie hell es dort jetzt ist. Mehr Licht bräuchte man eigentlich nicht. Einige haben Kreislaufprobleme, ich glücklicherweise nicht.
 
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last updated: 2008.09.06, 10:14
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